Ein nachhaltiges Interesse an Halluzinogenen erwachte in der neuzeitlichen Kultur des Westens erst wieder gegen Ende des 19. Jhd. Das erste Entheogen, das abgesehen von Haschisch und nur bedingt als Entheogen gelten könnenden Psychoaktiva wie Opium oder Datura Einzug in die geistige Welt des Abendlandes hielt, war der Peyote-Kaktus. In den späten achtziger Jahren des 19ten Jahrhunderts analysierte der deutsche Toxikologe Louis Lewin die Pflanze und gab ihr den Namen Anhalonium lewinii. Er betrachtete sie zunächst als extrem giftig, und es gelang ihm nicht, ihr bewußtseinsveränderndes entheogenes Prinzip zu isolieren. Kurze Zeit später berichtete J. Moorey vom American Bureau of Ethnology von Peyote-Riten unter den Kiowa-Indianern, und sammelte Proben dieser Pflanze zur Analyse. 1894 isolierte der deutsche Chemiker Arthur Heffter erstmalig das aktive Hauptalkaloid von Peyote, und nannte es Meskalin. Er hatte die psychoaktiven Eigenschaften im Selbstversuch feststellen können.

Bereits kurze Zeit vorher hatte der amerikanische Arzt und Gründer der American neurological Foundation, Weir Mitchell, ein Experiment mit Peyote-Buttons unternommen, indem er selbst als Subjekt fungierte. Überwältigt von der ästethischen Komponente der Erfahrung offenbarte ihm Peyote „a certain sense of the things about me as having a more positive existence than usual“. Aber Mitchell war auch alarmiert, er hatte Angst, dass seine Zeitgenossen nicht in der Lage wären, diese Erfahrung zu handhaben:

“I predict a perilous reign of the mescal habit [...]. The temptation to call again the enchanting magic of my experience will, I am sure, be too much for some men to resist after they have once set foot in this land of fairy colors where there seems so much to charm and so little to excite horror or disgust.”  Der bekannte englische Psychologe Havelock Ellis lies sich von Mitchells Warnung eher inspirieren dann abhalten, und er war nach Heffter einer der ersten Europäer, der über die psychoaktiven Wirkungen von Peyote schrieb. Sein Artikel A new artificial Paradise wurde 1898 veröffentlicht. Ellis war vor allem von der ästhetischen Dimension seiner Erfahrung beeindruckt. Er sprach von einer Erfahrung unvergleichlicher Größe, und verkündete: „ein oder zweimal den Riten von Meskal beiwohnen zu dürfen“ sei „nicht nur ein unvergeßliches Verzücken, sondern auch ein bildender Einfluß von nicht geringem Wert.“ Mit solchen Äußerungen zog sich Ellis prompt die rügende Reaktion der ehrwürdigen Editoren des British Medical Journal zu. Sie brachten ernsthafte Besorgnis über möglicherweise schädigende Wirkungen des Entheogens zum Ausdruck, und tadelten ihn dafür, den Teil der Öffentlichkeit, der immer auf der Suche nach einer Sensation sei, in Versuchung zu führen (Grob, 1998: 10). Wir begegnen in den frühen Vorfällen um Meskalin bereits einem Vorboten der Auseinandersetzungen, die einige Jahrzehnte später schließlich zur Prohibition der Entheogene führen sollten. Hier durch Ellis, später durch den Harvard Professor Leary, traf die Preisung magischer Pflanzen zum Zwecke der Selbsterkundung auf den massiven Widerstand bestimmter konservativer Standesfunktionäre der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Ellis wie später auch Leary, machte die künstlerische Avantgarde seiner Zeit, unter Anderen den irischen Dichter William Butler Yeats, mit dem Peyote bekannt. Dieser war damals Mitglied des hermetischen Ordens des Golden Dawn, einer magischen Gesellschaft, dessen Mitglieder sich vor allem aus Freimaurern und Angehörigen theosophischer Zirkel zusammensetzte. Auch das Enfant terrible der damaligen Zeit, der von der damaligen Presse als „wickedest man in the world“ titulierte Aleister Crowley verkehrte zu dieser Zeit im Golden Dawn. Crowley glaubte, dass er der erste war, der Peyote in die Künstlerwelt Europas eingeführt hätte. Er hatte die Substanz im Jahre 1900 erstmals in Mexiko eingenommen, vermutlich in Gesellschaft seines Freundes Oskar Eckstein, wie Crowley ein begeisterter Bergsteiger. Ab 1910 experimentierte Crowley in seinem Bekanntenkreis mit Peyote (und natürlich auch mit Euphoria wie Kokain und Heroin), leider bleibt sein Manuskript über die Wirkungen bis zum heutigen Tage unveröffentlicht (Rudgley 1993:123).

In den folgenden Jahren erschienen zahlreiche Publikationen, vornehmlich im toxikologischen und psychiatrischen Fachbereich, die den Versuch unternahmen, die Meskalin Erfahrung wissenschaftlich zu systematisieren. Sie stammen etwa von Alfred Serko (Serko, 1913), Karl Beringer (1927), der ein Vertrauter von Hermann Hesse und Carl Jung war, und weiterhin von Heinrich Kluver (1928) und natürlich Louis Lewin (1924), dessen Bücher 1935 „gegen die Verführung zum Rauschgift und für die Reinheit der deutschen Seele“ auf den Scheiterhaufen flogen. Lewin hatte den romantischen Begriff Phantastica für die sakralen Heilpflanzen eingeführt, der noch der magischen Dimension der visionären Erfahrung unter dem Einfluß dieser Substanzen Rechnung trug. Lewin erkennt auch, im Unterschied zu vielen seiner nachfolgenden Forscherkollegen, die Verschiedenheit zwischen mystisch-visionären Erleben und pathologischen Bewußtseinszuständen. Er fragt:

“Haben Halluzinationen und Visionen – um solche handelt es sich hier – eine stoffliche Ursache? Meiner Überzeugung nach ja! Die Art der Ursache braucht nicht immer die gleiche zu sein, jede setzt aber einen leiblichen Reiz voraus. Er ist ebensowohl für die Zustände Ekstatischer, Inspirierter anzunehmen, in denen das Individuum die höchste innerliche Konzentration auf Fühlen und Vorstellen vollbringt und seine Seelentätigkeit bis zur maximalen Spannungshöhe, veranlaßt durch solche Reize, hebt, als auch für die sensitiven Abweichungen geistig Abnormer. Keineswegs braucht in dem ersteren Falle für den Gläubigen, der auch ich bin, die Göttlichkeit der Eingebung bezweifelt zu werden.”(1924: 126)

Lewin war sich des weiten und vielfältigen Wirkspektrums dieser besonderen Moleküle bewußt, und unterschied also zwischen der entheogenen und psychotomimetischen/halluzinogenen Phänomenologie der Phantastica.  Auch im Umfeld von parapsychologischen Gesellschaften erschienen Berichte über die außergewöhnlichen Visionen und Phänomene der Meskalin Erfahrung, so z. B. von Hans Prinzhorn (1928), dem das Erlebnis, welches „über den auf Beobachtung eingestellten Forscher hereinbrach wie ein Naturereignis – nicht lenkbar mehr wie unser Tagewerk, sondern wahrhaftig (…)“ wie ein „(…) Erleidnis, Überwältigung des Ich …“ wiederfuhr.

Ende der dreißiger Jahre wurden Lewins Phantastica mehr und mehr von dem romantischen Zauberstaub der ihnen anhaftete befreit, und Psychiater begannen nachhaltig eine psychotomimetische Wirkung der Entheogene zu postulieren. Sie sahen in den Stoffen ein biochemisches Modell mentaler Störungen, insbesondere der Schizophrenie. Der Psychiater Tayleur Stockings bringt diese Sichtweise zum Ausdruck: „Mescaline intoxication is indeed a true ´Schizophrenia´ if we use the word in its literal sense of ´split mind,´ for the characteristic effect of Mecaline is a molecular fragmentation of the entire personality, exactly similar to that found in schizophrenic patients…. Thus the subject of the mescaline psychosis may believe that he has become transformed into some great personage, such as a god or a legendary character, or a being from another world. This is a well known symptom found in states such as paraphrenia and paranoia“ (Stockings, 1940).

Nachdem Dr. Albert Hofmann 1943 zufällig die Psychoaktivität des von ihm synthetisierten LSD am eigenen Leibe endeckt hatte, begann die Pharmafirma Sandoz ab 1947 damit, LSD als ein Werkzeug für das Studium der Psychose aktiv an Psychiater und Psychologen zu vermarkten. Angehende Psychiater wurden ermutigt, sich LSD zu verabreichen, um Einblicke in die Geisteswelt des Psychotikers zu erhalten. Eine junge Wissenschaft, die sich nach der Kredibilität der Medizin sehnte, wähnte sich in Besitz eines vielversprechenden Instrumentes für die Erforschung der Pathogenese von Geisteskrankheiten. Ich finde es bemerkenswert, dass die psychiatrische Forschung vor allem mit LSD forschte, und Meskalin offensichtlich ins Hintertreffen geriet. Ich vermute einer der Gründe dafür lag in der Tatsache, dass LSD im Gegensatz zu Meskalin keine sakrale bzw. rituelle Vorgeschichte hatte, und somit erlaubte, endlich die abergläubischen Indianer und primitiven Medizinmänner, die immer irgendwo im Hintergrund rumtanzten, aus der Sache raus zu lassen. Dies entsprach (und entspricht) dem Selbstverständnis der Medizin und dessen Abgrenzungsbestrebungen gegen „primitive“ Heilmittel und Verfahren. Die Forschungen der nächsten Jahre sollten jedoch belegen, dass das Mysterium einfach nicht auszutreiben war, auch aus scheinbar modernen Errungenschaften aus dem Laboratorium wie LSD.

Silvio Rohde copyleft 2000

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