Die pdf-Datei zum Artikel kann hier geöffnet werden:Der rituelle Gebrauch von Ayahuasca. Rezension:“O Uso Ritual da Ayahuasca”, Hrsg.: Beatriz Caiuby Labate und Wladimyr Sena Araujo;Campinas, Sao Paulo, Fabesp, Mercado de Letras, 2002; Revidierte Auflage 2004; 700 S.
Im Fokus der öffentlichen, politischen und medialen Wahrnehmung des Konsums von Drogen steht in erster Linie deren Missbrauchs-Potential. Auch wissenschaftliche Diskussionen konstruieren oder fixieren vorwiegend die Risikoaspekte des Gebrauchs, progressive Ansätze zielen auf Safer-Use und Harm-Reduction. Fragen nach dem gesellschaftlichen und persönlichen Nutzen eines intentionalen Konsums von Drogen gehören sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf politischem Parkett nach wie vor eher ins Reich des Tabubruchs. Kulturgeschichtlich bis in die Antike zurückzuverfolgen ist die in wandelnden Formen in Erscheinung tretende, besondere Eignung und Funktion von Psychoaktiva als, wie der Bremer Jurist Prof. Dr. Lorenz Böllinger es nennt, “Projektionsfläche für Angstphantasien über die Fragmentierung der Gesellschaft bzw. des Selbst, wie sie möglicherweise Mitbedingung für das Repressions-Paradigma sind”.

Allenfalls findet eine anthropologische Diskussion statt, die Drogengebrauch, der nicht unter der Präambel von Sucht, Missbrauch und medizinisch-therapeutisch definierten Zwecken erfolgt, häufig in das Reich ferner Länder, Sitten und Gebräuche verbannt. Gerade die Stoffgruppe der in den üblichen Konsummengen weder toxischen noch suchterzeugenden sog. Halluzinogene wie Peyote, Ayahuasca, LSD und Psilocybin wird aber in einem weiten Spektrum von Kontexten eingenommen. In der westlichen Kultur finden diese Substanzen Verwendung zu hedonistischen und rekreationalen Zwecken. Darüber hinaus sind auch Motive wie künstlerische Inspiration, philosophische und religiöse Selbst- und Seinserkenntnis sowie der Wunsch, nicht-alltägliche Formen der Wahrnehmung und des Bewusstseins zu erleben und umfassendere Perspektiven auf die menschliche Existenz zu gewinnen, als Beweggründe für die Einnahme halluzinogener Substanzen anzutreffen. In traditionellen Kulturen findet sich häufig eine Einbettung des Halluzinogen-Gebrauchs in religiöse oder schamanische Kontexte; sie dient hier vielfach ebenfalls dem Kontakt mit metaphysischen Erlebnisräumen sowie als Alternative zu allopathischen Ansätzen der westlichen Medizin, deren Segnungen für die verarmte und nicht krankenversicherte Bevölkerung einer sogenannten “Dritten Welt” nicht verfügbar sind.

Doch trotz der oben angesprochenen Verengung der öffentlichen Rezeption des Konsums von Drogen, sind in letzter Zeit innovative Studien veranlasst worden, wie etwa das Forschungsprojekt Ritualdynamik und Salutogenese beim Gebrauch und Missbrauch psychoaktiver Pflanzen des Instituts für Medizinische Psychologie an der Uni Heidelberg, in denen auch Formen intentionalen Drogengebrauchs zu religiösen und therapeutischen Zwecken eine aufmerksame und vor allem ausgewogenen Betrachtung erfahren. Dass solche Fragestellungen aufgegriffen werden, ist nicht zuletzt auf das zunehmende Interesse zurückzuführen, das in Europa und den USA seit den 1990er Jahren den schamanischen und sakramentalen Ausprägungen des Gebrauches des psychoaktiven Trankes Ayahuasca entgegengebracht wurde. Ayahuasca, gebraut aus zwei im amazonischen Regenwald heimischen Pflanzen, ist zusammen mit anderen psychoaktiven Zubereitungen ein essentielles Element einer Vielzahl spiritueller Traditionen der indigenen Bewohner des südamerikanischen Amazonas-Tieflandes. Dort wird das “Halluzinogen” Ayahuasca als eine natürliche Medizin betrachtet, die sich durch rituell vermitteltes performatives Handeln eines Schamanen auf viele Krankheiten positiv auswirken kann. Darüber hinaus schreiben religiöse Kulte dem Trank die Fähigkeit zu, bei entsprechend elaborierter Anwendung, die spirituelle, moralische und geistige Entwicklung des Menschen unterstützen zu können.

In Teilen der westlichen Wahrnehmung avancierte Ayahuasca mittlerweile zu einem Mythos, einem legendären Wundertrank, der neben religiöser Ekstase und ganzheitlicher Heilung auch Zugang zu visionären Erfahrungsräumen verheißt, die im Zeitalter der Vernunft in der westlichen Kultur eher ein Schattendasein führten. Eine Entwicklung, die im Gefolge der Rezeption von Dokumentationen wie Clemens Kubys „Unterwegs in die nächste Dimension“, auch von Anbietern und Agenturen esoterisch gestimmter Reisen aufgegriffen wurde. Im Auftrag einer globalen Bewusstseinstransformation finden sich so wohlhabende Touristen auf Pauschalreisen in den Amazonas wieder, inklusive tiefer Selbsterfahrung im Ayahuasca-Ritual beim Vertrags-Schamanen. Wie authentisch diese interkulturellen Begegnungen sind, hängt m. E. davon ab, in wie weit der Teilnehmer an solchen Reisen bereit ist, den touristischen Pfad zu verlassen und in eine wahrhaftige kulturelle Begegnung zu verwandeln.

Die Begegnung westlicher Sucher mit Madre Ayahuasca, wie es in Südamerika auch genannt wird, hat inzwischen zu einer von weiten Teilen der Öffentlichkeit und sogar der Kulturwissenschaften und Drogenszenen unbemerkten Entstehung einer weitverzweigten globalen Ayahuasca-Kultur geführt, einer transkulturellen (synkretistischen) religiös-schamanistischen Bewegung, in der rituelle Elemente und Formen verschiedener Traditionen zur Medialisierung religiös-kultureller Erneuerungsprozesse genutzt werden.

Die zunehmende Mobilisierung von Kulturen und die damit verbundene Dynamisierung von religiösen Identitäten, führte auch in Europa zur Entstehung religiöser Zirkel, in denen ein sakramentaler Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen praktiziert wird. Der Impetus zu diesen Entwicklungen stammt nicht nur aus den schriftlosen bzw. schamanischen Kontexten, die klassische Modelle für ritualisierten Drogengebrauch bereithalten, sondern insbesondere auch aus kollektiven religiösen Kulten und Religionen, die psychoaktive Substanzen wie Ayahuasca als Sakramente und Agenzien mystischer und therapeutischer Selbsterfahrung würdigen.

Beispiele dieser religiösen Bewegungen, sind etwa die Gruppen União do Vegetal und Santo Daime, deren Ursprünge bis in die 1920er Jahre zurückgehen und im brasilianischen Bundesstaat Acre liegen. In diesen synkretistischen Religionen spielen indigene Kosmologien nur noch eine marginale, manchmal verbrämte Rolle. Auch die schamanische Evokation von Naturgeistern tritt hier zugunsten einer christlich geprägten Mystik in den Hintergrund. Die brasilianischen Ayahuasca-Kirchen haben zwar Wurzeln in schamanischen und afrobrasilianischen Religionsformen, sind in ihrer religiösen Ästhetik jedoch von formeller Strenge geleitetet. Der im Westen vielfach mit der Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen verbundene Duktus des Aufbegehrens gegen bürgerliche und konservative Normen findet hier einen traditionsbejahenden Kontrast. Einflüsse afrobrasilianischer Religionen, z. B. der Umbanda und des spiritistischen Kardezismus, verbinden sich zur Bricolage einer spirituellen Loge, die zwar einerseits brasilianisches Kulturerbe und Ausdruck amazonischer Caboclo-Traditionen ist, andererseits in ihrer Offenheit für westliche esoterisch-religiöse Systeme und in seiner christlich-katholischen Leitsymbolik eine universale Zielrichtung besitzt.

Beide Gruppen haben spirituelle Ableger in den meisten urbanen Zentren Brasiliens und darüber hinaus in vielen Teilen der Welt initiiert. Die Ayahuasca-Religionen sind spätestens seit den 1980er Jahren zu einem signifikanten Impuls in der religiösen Landschaft Südamerikas geworden, in weiten Teilen Europas und der USA entstehen seit Beginn der 1990er Jahre ebenfalls Zweige der Kultgruppen.

Das vorliegende Buch „O Uso Ritual da Ayahuasca“ versucht der zunehmenden Bedeutung von Ayahuasca in einer globalisierten Welt Rechnung zu tragen. Die HerausgeberInnen, Beatriz Labate und Wladimyr Sena Araujo, präsentieren in der bisher nur in portugiesischer Sprache erschienenen Anthologie, einen Querschnitt der aktuellen Forschung zum Thema des rituellen Gebrauchs von Ayahuasca. Der Band vereint dabei Artikel, die aus anthropologischer, medizinischer und pharmakologischer Perspektive verfasst sind. Dazu kommen weiterhin Innenansichten, die von Repräsentanten und Protagonisten der brasilianischen Ayahuasca-Kirchen verfasst wurden. Die Mehrzahl der Texte geht zurück auf Beiträge zum ersten Kongress über rituelle Gebrauchsformen von Ayahuasca (I CURA), der im November 1997 am Institut für Philosophie und Humanwissenschaften der Universität von Campinas, Brasilien, stattfand. Die Anthologie versammelt den derzeit wohl vollständigsten und aktuellsten Zugang zum Phänomen des rituellen Gebrauchs von Ayahuasca und markiert über weite Strecken noch den aktuellen Forschungsstand.

Über mehr als 700 Seiten erstrecken sich insgesamt 26 Artikel, die in drei Abschnitte gegliedert sind. Der erste Teil widmet sich „Ayahuasca unter den Bewohnern des Waldes“, und beschäftigt sich mit der Bedeutung von A. in stammeskulturellen Kontexten sowie mit mestizischen Gebrauchsformen des Getränkes. Hier finden sich vor allem ethnographische Berichte. Die deutsche Ethnologin Barbara Keifenheim beschreibt in ihrem Beitrag über die westperuanischen Kaxinawá die Bedeutung und die Charakteristika der spezifischen Gesänge, welche die Ayahuasca-Einnahme bei den Kaxinawá begleiten. Sie betont die wichtige Funktion, die bestimmte Vorsänger bei der Führung und Erzeugung von Visionen durch ihre Stimme ausüben. Die synästhetisch in Visionen umgesetzten Gesänge werden von den Kaxinawá „Weg“ (bai) genannt, der durch die innere Welt und die Phasen der Bewusstseinsveränderung hindurchführt. Lieder und Gesänge spielen bei nahezu jeder Form des rituellen Gebrauches von Ayahuasca eine zentrale Rolle.

Der Artikel von Esther Jean Langdon setzt sich mit der Bedeutung von Ayahuasca bei den kolumbianischen Siona-Indianern auseinander. Der Beitrag von Pedro Luz bietet eine Literaturrecherche über die den Ayahuasca-Gebrauch umgebenden Kosmologien und Mythen der Indios, die den Sprachfamilien der Pano, Tukano und Aruak zuzurechnen sind.

Der kolumbianische Arzt und Koordinator eines Regenwald-Erhaltungs-Programmes, German Zuluaga, schlägt in seinem Artikel kritische Töne an. Er äußert die Sorge, dass bei der Aneignung von Ayahuasca durch Wissenschaft und New Age die indigenen Urheber dieses kulturellen Erbes auf der Strecke bleiben. Nachdem indigene Schamanen, ihre Kraftpflanzen und ihr Wissen über einen Zeitraum von fast 500 Jahren herabgewürdigt und verfolgt wurden, so Zuluaga, interessiere sich der moderne Mensch nun plötzlich für die Errungenschaften indigener Kultur, wobei im Mittelpunkt des westlichen Interesses fast ausschließlich der Trank Ayahuasca stehe, der als einer der wenigen und wesentlichen Errungenschaften der Tribalkulturen mit universaler Bedeutung betrachtet werde. Ayahuasca sei sozusagen zum Eldorado der modernen westlichen Kultur geworden.

Der französische Arzt Dr. Jacques Mabit leitet seit 1992 das Takiwasi-Therapiezentrum im peruanischen Tarapoto. In Takiwasi werden westliche Therapiemethoden mit schamanischen Ansätzen des Heilens kombiniert. Auch Ayahuasca wird hier genutzt, um z. B. bei der Rehabilitierung von Kokainabhängigen bessere Erfolge zu erzielen. Mabits Artikel befasst sich mit den Techniken der Erzeugung von Visionen in den Ayahuasca-Sessionen der Heiler und Vegetalistas am Oberen Amazonas.

Der Religionswissenschaftler Luis Eduardo Luna, bekannt durch seine Ethnographie über den peruanischen Vegetalismo und die Publikation der visionären Kunst des ehemaligen Schamanen Pablo Amaringo, unterzieht in seinem Beitrag die Bezüge zwischen amazonischem Schamanismus und Natur einer näheren Betrachtung.

Der erste Teil des Buches schließt mit einem Artikel über den Ayahuasca-Gebrauch der brasilianischen seringueiros (Gummizapfer) in Alto Juruá, einem entlegenen und bis heute schwer zugänglichen Gebiet im äußersten Westen Brasiliens. Der Ayahuasca-Gebrauch der seringueiros außerhalb von institutionalisierten religiösen Bewegungen hat bisher in der Literatur relativ wenig Beachtung gefunden, was zur Relevanz dieses Artikels beiträgt.

Der zweite und umfangreichste Teil des Buches, setzt sich mit den brasilianischen Ayahuasca-Religionen auseinander. Die Herausgeberin Beatriz Labate eröffnet diesen Abschnitt mit einer Inventur der brasilianischen Literatur über diese Religionen. Sie verschafft dem Leser einen weitreichenden Überblick, sowohl über bereits publizierte als auch unveröffentlichte akademische Arbeiten zum Thema. Weiterhin bietet sie eine Übersicht der non-akademischen Literatur zu den verschiedenen Ayahuasca-Kirchen.

Der Artikel “Matrizes Marahenses do Santo Daime?? von B. Labate und G. Pacheco, begibt sich auf Spurensuche in den brasilianischen Bundesstaat Maranhão, der ursprünglichen Heimat von Raimundo Irineu Serra, dem Urvater der Daime-Religionen. Der Artikel liefert wertvolle Befunde zu den historischen afrobrasilianischen Einflüssen, die sich in den Ritualen, Hymnen und Gebräuchen der Santo Daime-Religion wieder finden bzw. zu ihrer heutigen Erscheinungsform beitrugen.

Arneide Bandeira Cemin schreibt über die Alto Santo-Kirche, die in der brasilianischen Stadt Rio Branco beheimatete ursprüngliche Daime-Kirche von Raimundo Irineu Serra. Er charakterisiert die Rituale der Religion als ein System symbolischer Montagen, und erläutert hier detailliert ihre verschiedenen Elemente.

Von der Autorin Sandra Goulart findet sich eine Einführung in die Cefluris, die heute bekannteste und u. a. bereits nach Kanada, Spanien, Italien und in die Niederlande expandierte Linie der Santo Daime-Religion. Wladymir Sena Araujo bietet einen Beitrag zur Barquinha-Kirche, eine nur in Rio Branco anzutreffende Ayahuasca-Kirche, in der die afrobrasilianische Tradition der Inkorporation von Geistwesen eine wesentliche Rolle spielt. Der Artikel von Clodomir da Silva fokussiert die Zusammenführung der Traditionen der Geistinkorporation und der visionären Schau, hier miraçao genannt, in der Santo Daime-Religion. Der Beitrag des deutschen Ethnologen Carsten Balzer, Verfasser einer Ethnographie über die Barquinha-Kirche, beschreibt kritisch eine Episode des Angebots von Santo Daime auf dem „Supermarkt der Religionen“ in Deutschland Anfang der 1990er Jahre.

Eine Einführung in die União do Vegetal, den dritten großen Ayahuasca-Kult Brasiliens, mit dem sich hier insgesamt drei Beiträge befassen, bieten Lucia und Henrique Gentil in ihrem Artikel.

Der brasilianische Anthropologe Edward MacRae plädiert in seinem Beitrag für Toleranz zwischen den verschiedenen Schamanen und religiösen Gruppen, die Ayahuasca rituell nutzen.

Fernando de la Roque Couto, Professor der Anthropologie an der katholischen Universität von Brasilia und selbst Leiter der dortigen Daime-Kirche, fasst die Rituale dieser Religion in Anlehnung an Victor Turner als „Rituale der Ordnung“ auf, die einen „kollektiven Schamanismus“ – eine gemeinschaftliche Reise in eine Geistwelt, erlauben sollen.

Maria Pelaez fragt in ihrem Beitrag schließlich nach den Möglichkeiten und Perspektiven einer therapeutischen Nutzung von Daime-Ritualen.

Der abschließende Teil des Buches vereint einige der letzten Forschungsergebnisse zu den psychopharmakologischen und medizinischen Auswirkungen des Ayahuasca-Gebrauchs.

Hier findet sich eine unter der Leitung des amerikanischen Psychiaters Charles Grob durchgeführte Studie, über akute und langfristige Auswirkungen des Gebrauchs von Ayahuasca unter Mitgliedern der brasilianischen Ayahuasca-Kirche União do Vegetal. Die Studie förderte u. a. zu Tage, dass die Mitglieder der Bewegung vielfach ihren vormaligen habituellen Gebrauch von Alkohol, Kokain und Tabak abgelegt hatten. Alle Testpersonen in der Untersuchung hatten Ayahuasca im zeremoniellen Kontext auf wöchentlicher Basis über einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren eingenommen.

Der israelische Psychologe Benny Shannon, der jüngst eine umfangreiche Studie zur Phänomenologie der Ayahuasca-Erfahrung vorgelegt hat, plädiert in seinem Artikel für eine Fokussierung der Forschung auf die inneren Erfahrungshorizonte, die durch die Einnahme von Ayahuasca eröffnet werden. Dies sei genauso wichtig, wie die Erforschung anthropologischer und medizinisch-pharmakologischer Aspekte.

Das Buch “O Uso Ritual da Ayahuasca” stellt ein breites Spektrum an Texten zur Verfügung, und bietet somit sowohl eine umfangreiche Einführung als auch eine tiefgreifende Referenz zum Thema Ayahuasca an. Die Beiträge beachten im Allgemeinen historische Aspekte der Religionen, schildern die Biographien ihrer Leitfiguren und arbeiten Unterschiede in den religiösen Vorstellungen und den Kultpraxen heraus. Die Artikel vermitteln vielfältige Einsichten in kulturelle Formen der rituellen Kontrolle und Regulierung von drogen-induzierten veränderten Bewusstseinszuständen. Darüber hinaus eröffnen die versammelten Beiträge auch einen Einblick in indigene und brasilianische Kultur, der nicht bei Ayahuasca halt macht, sondern auch Reflektionen zu interethnischen Beziehungen und zum Verhältnis von indigener Tradition, südamerikanischem Christentum und Wissenschaftstraditionen berücksichtigt.

Bleibt zu hoffen, dass die Anthologie in absehbarer Zeit auch in englischer oder deutscher Sprache vorliegen wird, und so einem größeren Leserkreis erschlossen wird.

Der Trank Ayahuasca und die seinen Gebrauch ummantelnden Rituale sind längst keine Phänomene mehr, die nur lokale Bedeutung für die indigenen Bewohner Südamerikas haben. Das zeigen nicht zuletzt die aktuellen Debatten und juristischen Prozesse, in denen es um das Recht auf freie Religionsausübung mit psychoaktiven Sakramenten geht, wenn diese kontrollierte Substanzen enthalten. Das Betäubungsmittelgesetz reflektiert Fragen religiöser Freiheit im Zusammenhang mit Halluzinogenen Substanzen bisher nicht in adäquater, der gesellschaftlichen Realität entsprechender Weise.

Die Legalisierung von Ayahuasca erfuhr ihre letzte Zementierung in einer Resolution, die am 4. November 2004, verabschiedet wurde. Damit wurde die juristische Legitimität des religiösen Gebrauchs von Ayahuasca in Brasilien weitgehend festgeschrieben. Der Präsident des Nationalen Anti-Drogen Rates (CONAD) erweitert die vorhergehenden Konsolidierungsbemühungen in der Resolution hier u.a. dahingehend, dass der bisher staatlich regulierte Gebrauch von Ayahuasca durch Minderjährige und Schwangere fortan der privaten Entscheidung der Eltern obliegt.

Weiter wurde die hier auch die Gründung eines multidisziplinären Forschungsteams beschlossen, das der Beobachtung und Begutachtung des religiösen Gebrauches von Ayahuasca und der experimentellen Erforschung seines therapeutischen Nutzens dienen soll. Diesem Team sollen sowohl Wissenschaftler als auch Vertreter der religiösen Gruppen, die Ayahuasca nutzen, angehören. Das Team soll alle Gruppen, die Ayahuasca für ihre religiöse Praxis nutzen, überprüfen. Ziel ist die Erstellung eines Berichtes, aus dem zunächst eine Deontologie des Ayahuasca-Gebrauches abgeleitet werden soll, um Missbrauch und inadäquaten Gebrauch zu verhindern. In Brasilien hat sich der Gebrauch von Ayahuasca somit nun zu einer Art staatlich anerkannten Kulturerbes entwickelt. Angesichts eines finanzstark geförderten und nachhaltig geführten weltweiten Krieges gegen Drogen, der zur Vernichtung und Abwertung vieler kultureller Traditionen des Drogengebrauches geführt hat, halte ich dies für eine interessante Entwicklung.

Silvio Andreas Rohde, Dipl. Relwiss. 2006

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